Hamburg I
Gedanken einer Berlinerin auf Abwegen
Irgendein Zug fährt ja immer. Zwar nicht zwangsläufig meiner, aber was soll’s. Ich finde einen Platz am Fenster, ignoriere das Reserviert Schild, das eh erst ab Kolding gilt, und setze mich. In meinem Rucksack steckt neben dem grünen Snoopy-Shirt und drei Unterhosen hinten im Laptopfach auch die Essaysammlung Radikale Zärtlichkeit von Şeyda Kurt. Ich hole sie raus, finde mein Lesezeichen und schaue aus dem Fenster auf den belebten Bahnsteig. Meine Gedanken drehen Kreise, ich lasse sie. I have emotional motion sickness. Im Tivoli wird mir schon schlecht, wenn ich den Breakdancer nur anschaue, vielleicht weil man sich besser nicht gedanklich und physisch gleichzeitig im Kreis dreht.
Ein Mann Anfang dreißig setzt sich zu mir. Ob hier noch frei ist. Klaro, bis Kolding halt. Unser Gespräch könnte deutscher nicht anfangen: Die DB hat’s mal wieder gebracht, wa? Ja, haha, typisch!
Er trägt ein blaues Hemd und eine Hornbrille, ein Geschäftsmann, CDU-Mitglied in Kiel (…aber auch nur, weil die da oben so entspannt drauf sind!), frisch von der Freundin getrennt, mit der er sieben Jahre lang zusammen war. All das erfahre ich noch bevor er mir seinen Namen sagt. Er ist viel netter, als ich es von einem CDU-Doktor der Volkswirtschaftslehre mit Aussicht auf einen Job bei der Zentralbank erwartet hätte. Er denkt über Familie gründen nach und über Hausbau, ich denke ans vegane Franzbrötchen am Hamburger Hauptbahnhof. Leider fährt der Zug Richtung Prag nur bis Altona.
Als ich von meinen Reiseplänen für nächstes Jahr erzähle sagt er, ich solle auf jeden Fall unbedingt reisen. Ich muss ein bisschen grinsen bei der dringenden Empfehlung davon, was ich sowieso schon vorhatte. In Schleswig steigt er aus, bedankt sich für das nette Gespräch. Ich bedanke mich auch, er fragt Helen, oder? Ich lächele und sage fast: Marta. Wenn er zeitreisen könnte, würde er in die USA zur Gründerväterzeit reisen. Ich in die Antike, zu Sappho nach Lesbos. So sind die Menschen verschieden.
In Altona komme ich vor meiner Freundin S an, die auf dem Weg ist, mich abzuholen. Ich kaufe mir einen Espresso bei Ditsch, er schmeckt nicht, hilft aber. Dann gehe ich zu Gleis 4, wo in zwei Minuten ihre S-Bahn einfahren soll. Unsere Blicke treffen sich noch bevor die Bahn völlig zum stehen gekommen ist, sie steigt aus und wir rennen mit ausgestreckten Armen aufeinander zu wie die kleinen Mädchen, die wir mal waren. Hopsend stehen wir im Weg rum, aber ich bin Touristin, ich darf das.
Es ist Mittag, mir ist schlecht vor Hunger und noch schlechter vom Gedanken an das meiste Essen. Was ist mit Sommerrollen? fragt S. Sommerrollen sind gut. Wir finden einen Vietnamesen und ich bestelle eine Phở. Phở ist nämlich auch gut. Dann gebe ich zu viel Trinkgeld—eine Mischunng aus Großzügigkeit und fehlenden Kopfrechnenfähigkeiten—und wir fangen endlich an, die Hansestadt Hamburg unsicher zu machen.
Im Büchercafé Kapitel 3 würde ich einziehen, wenn sie mich ließen, so gemütlich ist es da. Jede Stadt die ich besuche kann ich nicht verlassen, ohne mindestens einen Nachmittag in einem Büchercafé verträumt zu haben. Wir finden Platz auf einem Sofa in der Queer Literature Abteilung—wo auch sonst—trinken heiße Schokolade und schnuppern uns durch die hohen Stapel Bücher auf unseren Schößen, während draußen der Regen prasselt. Die Barista hat einen tollen Kurzhaarschnitt, dunkelrot gefärbt und glänzend, und das sage ich ihr prompt, als sie an mir vorbeigeht. Sie lächelt breit und bedankt sich, und schenkt uns später ein Stück Streuselkuchen.
Blue Horses von Mary Oliver kann ich nicht im Laden zurücklassen. Ich lese S, die mit dem Kopf an meine Schulter gelehnt neben mir auf dem Sofa sitzt, ein paar Gedichte daraus vor. Sie stimmt mir zu: Das ist zu schön, um hier zu bleiben.
Abends gehen wir zu Rewe, fürs Abendessen einkaufen. Ich liebe deutsche Supermärkte. Und dm. Ich liebe auch dm. Im Rewe gibt es vier Sorten veganen Frischkäse und pflanzliche Salami und Mettwurst auf Erbsenbasis und—jetzt kommt‘s—sogar den Iglo Spinat mit dem Alpro-Blubb!!!! Ich weiß nicht, wie ich meine Leidenschaft für Rahmspinat in Worte fassen soll. Ich weiß auch nicht, ob das überhaupt nachvollziehbar sein kann für Leute, die nicht mit Mamas Spinatnudeln aufgewachsen sind, die nie nach einem langen, staubigen Sommertag im Berliner Hinterhof den Hunger vor lauter Spielen lange nicht bemerkt haben—bis Mama dann mit dem dampfenden Topf nach draußen kam, und der Magen auf einmal wie auf Kommando zu knurren anfing. Mein Glück ist jedenfalls, dass S und ich diese Erinnerungen teilen, weil wir damals im selben Hof abends dieselben Spinatnudeln gegessen haben, also lacht sie nur verständnisvoll, als ich vor lauter Freude wie ein Flummi zum Tiefkühlfach bounce. Deutschland: Das Land der veganen Ersatzprodukte. Hallelujah! Das wäre doch ein schöner Slogan für die Kieler CDU—wo die da oben ja wohl so entspannt drauf sind.
Es gibt für mich wenig schöneres im Leben, als mit Menschen, die ich lieb habe, an einem Küchentisch zu sitzen. Alle wichtigen Gespräche werden an Küchentischen geführt, beim Essen und trinken und Schüsseln-hin-und-her-reichen. S und ich sitzen dort bis die Sonne längst untergegangen ist, plaudernd und lachend vor leergegessenen Tellern.
Am nächsten Morgen habe ich einen bescheidenen Plan: Alles erleben. Eine Parkbank in Planten un Blomen—oder besser gesagt ein Park-Stuhl. S und ich lesen unsere neuen Bücher, unterbrechen uns dabei immer wieder zum Schnacken oder Sonnencreme auftragen oder Schokoriegel auspacken und aufessen, bevor sie in der Sonne schmelzen. Ich will‘s bis zum Elbstrand schaffen, bevor es anfangen soll zu regnen, und weil ich mir überlegt habe, bis St Pauli zu Fuß zu gehen, muss ich mich ein bisschen sputen. Ich nehme den Umweg durch‘s Gängeviertel (soviel zum Thema sputen) und schaue bei der Neueröffnung eines kleinen feministischen Kramladens vorbei. Dann verlaufe ich mich ein bisschen, gehe schließlich den ganzen Weg wieder zurück durch Planten un Blomen, an der immer noch lesenden S vorbei Richtung Landungsbrücken.
Mein nächstes Ziel ist die Strandperle, zunächst muss ich jedoch irgendwie auf eine Fähre gelangen, was sich als gar nicht mal so leicht herausstellt. Jetzt hör’n se doch mal auf zu drängeln, es können eh nicht alle mit! Kein Problem, ich drängle sowieso nicht gerne. Vor allem dann nicht, wenn es darum geht ein Schiff in Richtung Freizeitspaß zu besteigen und nicht etwa darum, aufs letzte Rettungsboot der Titanic zu gelangen. Also warte ich eine Fähre ab, und freunde mich auf der nächsten sofort mit zwei Hamburger Mädels an. F und A sind auf dem Weg zu einem Flohmarkt und laden mich ein, sie zu begleiten. Neben überteuerten Lederjacken und Spitzenkorsetts finden wir dort auch Fashion-Schnürsenkel, ein Produkt was exakt so lustig ist, wie es klingt. Als es voller wird und wir alle drei langsam überreizt sind, frage ich die beiden, ob sie nicht Lust hätten, mich auf eine Pommes in die Strandperle zu begleiten. Zu Pommes sagt ja selten eine*r nein, also gehen wir los.
Als wir uns zur Genüge darüber ausgetauscht haben, wer was studiert (die beiden Psychologie, ich Kochen) essen wir Pommes und spielen Karten. Ich bestelle mir eine große Apfelschorle—Deutschland: Das Land der Schorle. Hallelujah! Jedes Mal, wenn es anfängt zu regnen, werden die gelben Markisen ausgefahren, und wenn es dann Sekunden später aufhört, wird es plötzlich hell, wenn sie wieder eingefahren werden. Am Nebentisch sitzen drei Generationen Hamburgerinnen. Die Oma hat ein Gesicht, was fast ganz aus Lachfalten besteht und wir kommen ins Gespräch, an dessen Inhalt ich mich schon nicht mehr genau erinnern kann, aber noch sehr gut an das warme Gefühl, das mir das Lächeln in ihrer Stimme gibt.
Hamburg ist eine Stadt voller netter Leute und sauberer öffentlicher Toiletten. Die Dame, die das WC bei Sankt Pauli betreibt bittet mich um einen Euro. Soll ich Ihnen nicht lieber zwei Euro geben, weil das so schön ist, dass ich hier pinkeln darf? Sie muss lachen: Na wenn das so ist, darfste hier auch noch ganz andere Sachen! Also fülle ich auch meine Wasserflasche wieder auf, bevor ich zurück zu S in die Wohnung fahre, denn der Tag ist noch lange nicht zu Ende: Weiter geht der Abend auf dem Nachtmichel.










Hamburgliebe :)
Bin gespannt wie es dir auf dem Nachmichel gefallen hat. Auf jeden Fall toll meine Stadt durch andere Augen zu entdecken :)
Schorle und Ersatzprodukte sind aber auch King in Hamburg :D
Martaaaaa ich schwöre ich hab heute morgen gedacht: Hoffentlich veröffentlicht Marta bald wieder einen Text.😍 Ich liebe deinen Schreibstil so sehr, bitte schreib ein Buch💖💖